ca 2009, Deutschlandradio/Klassik Radio, by Bettina Zacher

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Bettina Zacher trifft Philippe Jaroussky

Er ist ein außergewöhnlicher Sänger, der das Publikum mit seinem Gesang fasziniert: der Counter-Tenor Philippe Jaroussky. Klassik Radio Moderatorin Bettina Zacher traf ihn in Paris zum Interview.

Bettina Zacher (BZ): “Als ich dich live auf der Bühne bei der ECHO-Klassik Gala 2008 in München gehört und gesehen habe, hast du es geschafft, dass nicht nur ich, sondern das gesamte Publikum sozusagen aufgehört hat zu atmen, so fasziniert waren wir. Du bewegst das Publikum mit deinem Gesang auf eine ganz besondere Weise – wie schaffst du das? Was ist dein Geheimnis?”
Philippe Jaroussky (PJ): (lacht) “…und weißt du was, ich war damals so krank, ich konnte kaum sprechen. Aber ganz ehrlich, das liegt am Repertoire. Das Stück, das ich beim ECHO 2008 gesungen habe, war schon bewegend an sich. Es ist aus einem Film und wird gespielt, um den spanischen König zu erweichen. Solche Musik kommt immer gut beim Publikum an. Natürlich singe ich dann mit all meiner Musikalität, aber die Basis ist die Komposition und die ist einfach fantastisch. Ich versuche also nur die Besonderheit der Musik an das Publikum weiterzugeben. Wenn ich Musik auswähle, dann meist weil es besonders hochwertige Musik ist. Ich will diese Musik verteidigen und dem Publikum all ihre Qualitäten zeigen. Das Bewegende für mich ist die Einzigartigkeit dieser Kompositionen. Wir stehen im Dienst all dieser Genies und wir müssen alles tun um herauszuarbeiten, wann und wie die Musik komponiert wurde und was der Komponist dabei empfand, was er zeigen wollte und was das Neue daran war. Trotzdem weiß man nie vorher, ob man das Publikum bewegen wird oder nicht. Manchmal beim Konzert denke ich „Oh, meine Stimme sitzt heute Abend gut und ich werde das Publikum bewegen mit meinem Gesang” – und dann erreiche ich das Publikum trotzdem nicht. Manchmal aber ist es auch so, dass ich mich ein bisschen müde oder krank fühle, über andere Sachen nachdenke und irgendwie nicht ganz da bin und dann sagt das Publikum „Es war so bewegend!“. Man kann das einfach nicht kontrollieren. Und man sollte das auch nicht kontrollieren. Wenn man zwanghaft etwas bewegen will, funktioniert es nicht. Als Künstler muss man akzeptieren, dass man diese emotionalen Elemente nicht kontrollieren kann. Es geht einfach darum, seine Arbeit so gut wie möglich zu machen. Beim Singen ist es auch immer eine Frage des Geschmacks. Manche berührt meine Stimme, andere nicht. Man kann einfach nicht jeden erreichen und überzeugen, das muss man einfach wissen.”

BZ: “Was fühlst du, wenn du singst? Bist du in einer Art „Trance“, hoch konzentriert? Strebst du auf der Bühne immer das gleiche Gefühl an oder ist es immer wieder anders?”
PJ: “Ich glaube es ist jedes Mal ein bisschen anders. Ich mag es, konzentriert zu sein, aber in der Regel ist man nicht alleine auf der Bühne. Und so kann man niemals komplett in seiner eigenen Welt sein. Man muss – auch physisch – die Musiker rundherum wahrnehmen, die Größe der Konzerthalle einschätzen. Meist sehe ich viele Leute im Publikum und kann sie wirklich anschauen und beobachten. Ich bin konzentriert, habe aber trotzdem Kontakt zu all den außenstehenden Dingen, denn sie beeinflussen meine Interpretation. Wenn der Konzertsaal zum Beispiel viel Hall hat, singe ich anders, als wenn es sehr trocken ist. Ich passe mich an. Mit dem Orchester ist es dasselbe. Für mich ist es wichtig, nicht einfach nur meinen Part zu singen und den Gesten des Dirigenten zu folgen. Natürlich kann ich nicht zu jedem Musiker Kontakt haben, aber mit den ersten Violinen und dem Continuo zu kommunizieren ist wichtig – es ist eine Art Dreiecks-Verbindung. Auch in Proben verständige ich mich gerne direkt mit dem Orchester. Was auch interessant ist: In der Barockmusik arbeiten wir anders als mit einem großen, modernen Orchester. Bei denen ist das Verhältnis vergleichbar mit einer Pyramide. Ein Barockorchester ist so übersichtlich, dass jeder etwas sagen kann, während der Probe. Manchmal ist das aber auch kompliziert, denn oft braucht man dann länger für die Probe (lacht). Trotzdem finde ich es produktiver. Ich kann direkt mit der Flöte, Violine oder dem Cello sprechen.”

BZ: “Wie sehen bei dir die letzten 30 Minuten vor einem Auftritt aus? Pflegst du irgendwelche Rituale?”
PJ: “Natürlich singe ich mich ein bisschen ein und lese meine Noten – ich lese sie sogar sehr gern! Manchmal habe ich ein Stück schon ganz häufig gesungen und kann es auswendig. Aber wenn man zu lange auswendig singt, verliert man den Kontakt zu dem, was wirklich aufgeschrieben ist. Wenn man dann noch einmal in die Noten guckt, kann man im letzten Moment neue Interpretationsansätze entdecken und die Interpretation verändern. Ich bin nicht sehr nervös, wenn ich ein Konzert gebe. Das Schwierige ist einfach das Warten, bis es wirklich losgeht. Selbst wenn ein Konzert für acht Uhr geplant ist, wird es niemals wirklich um acht anfangen. Die letzten Minuten vor dem Auftritt sind somit nicht kontrollierbar. Das können dann zwei, fünf oder acht Minuten sein, manchmal sogar 15 Minuten. Das ist manchmal beängstigender als das Konzert an sich, eben weil man es nicht beeinflussen kann. Man ist für acht Uhr vorbereitet und wenn das Konzert dann zehn Minuten später anfängt, ist das zwar kein Drama, aber es ist ein schwieriger Moment zwischen Konzert – kein Konzert – Konzert. Nicht so mein Fall.”

BZ: “Gibt es Pannen auf der Bühne, an die du dich erinnerst?”
PJ: “Ja, natürlich. Es passieren immer mal wieder verrückte Dinge. Letzens ging es einem Zuschauer nicht gut. Er hatte die Augen geschlossen und bewegte sich gar nicht. Er sass in der ersten Reihe. Während ich sang, konnte ich nicht aufhören ihn anzuschauen, weil ich dachte: wenn er das Konzert langweilig findet, kann er ja gehen. Und dann brach er plötzlich zusammen und das war eine wirklich schwierige und schlimme Situation: Soll ich aufhören zu singen? Oder weitermachen? Ich wusste nicht, was ich machen soll, alle Augen waren auf ihn gerichtet und ich war noch am singen… Am Ende ging es ihm dann glücklicherweise schnell wieder gut. Ein anderes Erlebnis, an das ich mich erinnere ist…: ein junges Mädchen, vielleicht 14 oder 15 Jahre alt, fing, nachdem ich zwei Töne gesungen hatte, schallend an zu lachen. Wahrscheinlich weil sie diese Stimme einfach nicht erwartet hatte und nicht darauf vorbereitet war das zu hören. Es war wirklich ernste Musik und ich sah dieses Mädchen Lachen – das war nicht das erste Mal, dass sowas passiert ist, die Countertenorstimme ist eben ungewöhnlich. Im Grunde stört es mich nicht, es gibt mir sogar eine besondere Energie. Es ist also nicht schlimm, denn es zeigt mir, dass das was ich mache für die einen fantastisch ist, für andere lächerlich. Das ist interessant und ich mag das, denn dann konzentriere ich mich auf diese Person und versuche sie zu überzeugen, sich ganz der Musik, der Stimmfarbe und dem Stimmumfang hinzugeben und nicht bei dieser ersten Reaktion zu bleiben. Das Mädchen war nach der Pause noch da, also glaube ich, dass ich sie doch erreicht habe mit meinem Gesang. Es ist eine ganz normale physische Reaktion zu lachen, ich kann es schon verstehen.”

BZ: “Philippe, was war für dich bis heute der emotionalste Moment auf der Bühne? Warst du jemals den Tränen nahe?”
PJ: “Ich habe noch nie geweint. Auf der Bühne darf man nicht weinen. Das Publikum kann weinen. Aber Du nicht. Wer auf der Bühne steht, darf nicht die Kontrolle verlieren. Wenn man diese Kontrolle nicht hat, kann man nicht alles geben. Aber ich erinnere mich noch ganz genau an das Konzert, bei dem ich dachte „Oh mein Gott, ich möchte diesen Job mein ganzes Leben lang machen!“: es war meine erste Opern-Produktion und ich war noch sehr jung. Das war vor zehn Jahren, als ich die Chance hatte „Nerone“ in Monteverdis „L’incoronazione di Poppea“ zu singen. Das war meine erste Bühnenerfahrung und ich erinnere mich an die erste Aufführung dieser Oper. Nerone ist ein wirklich schwieriger Part – physisch und psychisch, und als ich nach vier Stunden auf die Bühne kam um das letzte Duett zu singen, wusste ich, dass ich den letzten Ton dieser Oper singen würde. Das war eine großartige Befriedigung: ich hatte während dieser vier Stunden gewartet, um jetzt am Ende aufzutreten und das Vergnügen zu haben mit der Sopranistin dieses wunderschöne Duett zu singen. Für sie war es auch das erste Mal, dass sie die „Poppea“ sang und wir hielten uns die Hände …das war so emotional, weil wir vorher so hart für diesen Moment gearbeitet hatten. Ich glaube so ein Gefühl hat ein Sportler, wenn er die Olympischen Spiele gewonnen hat.”

BZ: “Wenn du im Fernsehen singst wie beim ECHO Klassik in Dresden, hast du nur ein paar Minuten, um das Publikum von dir und deiner Musik zu überzeugen. Zum einen erreichst du durch so einen Auftritt viel mehr Menschen als im Konzert. Zum anderen hast du keinen direkten Kontakt zu Ihnen. Ist so ein Auftritt trotzdem genauso zufriedenstellend wie ein Konzert für dich?”
PJ: “Nein, eigentlich nicht. Ich mag es Konzertprogramme zu gestalten, ich mag, wenn es Verbindungen oder Kontraste zwischen den Stücken eines Programms gibt. Und das kann ich in einer Fernsehshow nicht machen. Außerdem hören die Zuschauer in der Halle den Gesang nicht so, wie die Fernsehzuschauer, weil es nun mal für das Fernsehen gemacht ist. Manchmal gibt es vorher nicht genug Proben, man muss lange warten – es ist ehrlich gesagt einfach sehr stressig. Deswegen ist es relativ schwierig bei einem solchen Auftritt auch richtig zufrieden zu sein. Dennoch gibt es viele andere tolle Momente für uns an solchen Abenden: man trifft andere Künstler – in einer Nacht so viele verschiedene Menschen! Ich erinnere mich noch gut an letztes Jahr: da habe ich zum ersten Mal Cecilia Bartoli getroffen – das war mein Traum. Ich habe auch andere tolle Leute getroffen. Die deutsche Sängerin Anette Dasch zum Beispiel – eine sehr liebe Person. Solche Abende sind eine tolle Möglichkeit Kontakte zu knüpfen. Was man außerdem immer bedenken muss: es gibt für klassische Musik nicht so viele Möglichkeiten im Fernsehen zu sein, man sollte diesen Abend also wie ein Fest ansehen – ein Fest der klassischen Musik. Danach sitzen wir zusammen und trinken gemeinsam und sprechen über Musik. Das ist wirklich eine tolle Gelegenheit für sowas.”

BZ: “Hat sich für dich „karrieretechnisch“ etwas verändert, seit du 2008 den ECHO Klassik gewonnen hast?”
PJ: “In Deutschland auf jeden Fall! Das war mein zweiter ECHO Klassik, ich habe vor ein paar Jahren schon einmal einen gewonnen. Aber der im letzten Jahr war eine besondere Überraschung, denn ich hatte nicht so viele Konzerte in Deutschland gegeben, wahrscheinlich war die Auszeichnung mehr für die CD „Carestini“. Trotzdem war es ein guter Moment für mich, diesen Preis zu gewinnen, denn in diesem und im nächsten Jahr habe ich eine Menge Konzerte in Deutschland. In allen wichtigen Städten: in Berlin, München, Köln, Hamburg. Ich werde für zwei Spielzeiten mit dem „Concerto Köln“ zusammenarbeiten, es gibt ein neues CD-Projekt, für das wir hart arbeiten werden. Das ist vielleicht der Beginn meiner Karriere in Deutschland“ Und dieser Preis, der ECHO Klassik, hat mich natürlich dabei unterstützt, diese Termine in Deutschland zuermöglichen. Für mich war es auch überraschend, dass das deutsche Publikum so positiv auf meine CD „Opium“ reagiert hat – das ist immerhin französisches Repertoire! Das deutsche Publikum ist wirklich sehr interessiert daran, wahrscheinlich auch wegen des ECHO Klassik. Natürlich ist jedes Publikum unterschiedlich, doch ich spüre, wenn ich in Deutschland Konzerte gebe, dass das deutsche Publikum sehr gebildet ist. Sie kennen das Repertoire gut und es gibt eine große Musikkultur. Ich habe das Gefühl, dass man, wenn man in Deutschland sagt „Ich mag klassische Musik“ nicht als Langweiler angesehen wird. Manchmal ist genau das in Frankreich der Fall. Man sagt „Das ist keine Musik für junge Leute.“ In Deutschland ist das anders. Da hört man verschiedene Arten von Musik und hat keine Angst davor zuzugeben, dass man klassische Musik mag.”

BZ: “Wenn du die Möglichkeit hättest, in einem anderen Zeitalter zu leben – welches würde das sein? Und wo? Welchen Komponisten oder Musiker würdest du treffen wollen?”
PJ: “Oh, nicht einfach zusagen! Ich glaube, zuerst würde ich lieber in die Zukunft reisen wollen, als in die Vergangenheit. Das ist komisch für einen Barocksänger, oder? (lacht) Ich bin sehr neugierig und will gerne wissen, was in etwa 200 Jahren passiert, wenn ich nicht mehr da bin. Aber wenn ich in die Vergangenheit reisen müsste, dann wohl ins 18. Jahrhundert. Nach Italien natürlich: Venedig oder Neapel. Natürlich nicht als Kastrat! Eher ein italienischer Opernkomponist.”
BZ: “… Kein Kastrat, interessant, warum …?”
PJ: “Oh nein, nein. Wozu? Gut, sie waren Götter auf der Bühne, aber ihr Leben war wirklich schwierig! Die einzige Möglichkeit im Leben war Singen, schliesslich wurden sie der Stimme wegen, entmannt. Für mich besteht das Leben nicht nur aus Singen. Ich wäre nicht glücklich als Kastrat, mit dieser sehr strengen Erziehung. Man wurde nur auf das Singen vorbereitet und alle anderen trafen die Entscheidungen für dich. Aber es ist doch dein Leben. Ich kann selbst entscheiden – und bin glücklich so!”

BZ: “Deine Leidenschaft ist das Singen – welche Interessen hast du außerdem?”
PJ: “Meine Leidenschaft gilt mehr der Musik als dem Gesang: ich war schon Musiker, bevor ich gesungen habe, und ich hoffe, dass ich auch noch Musiker bin, wenn ich aufgehört habe zu singen. Was ich sonst so mache ist wirklich nicht originell. Ich glaube das Bild der Opern-Sänger ändert sich. Wir sind nicht automatisch Divas oder „Divos“ wie in Zeiten von Maria Callas oder Luciano Pavarotti. Wenn man sich die neuen Opernsänger anschaut, wie mich oder Diana Damrau, Joyce DiDonato oder Natalie Dessay – wir haben ein anderes Leben. Wir wollen alle auf dem Teppich bleiben! Wenn ich keine Konzerte gebe oder Musik mache, versuche ich einfach das normale Leben eines 31-Jährigen zu leben und weiterhin Kontakt zu meinen Freunden zu haben – die meisten meiner Freunde sind keine Musiker. Was neu für mich ist, seit ich diesen Job mache: ich reise viel. Als ich jung war, hatte ich dazu keine Möglichkeiten, aber je mehr ich reise, desto mehr will ich auch reisen. Manchmal wenn ich Zeit habe, entscheide ein paar Wochen zuhause zu bleiben, aber das geht dann nicht. Ich möchte dann einfach wieder irgendwohin reisen. Das ist wie eine Droge! Es gibt Länder, in denen es kaum klassische Konzerte gibt. Ich will zum Beispiel noch viel mehr über Afrika oder Südamerika wissen. Also habe ich beschlossen – und manche sagen, das ich verrückt sei, dass ich das tue – ich werde 2013 eine Konzert-Pause von acht bis zehn Monaten machen, um mal nur zum Vergnügen zu reisen. Ich bin dann 35 und möchte eine Pause haben um zu reflektieren und zu entscheiden, was ich in Zukunft mache , damit ich am Ende nicht das Gefühl habe nur zu schlafen, zu singen, zu reisen und dadurch die Kontrolle über mein Leben zu verlieren. Alles ist eine Frage der Kontrolle! Ich möchte nicht andere über mein Leben entscheiden lassen, was ich wann und wo zutun habe. Ich bin eine sehr unabhängige Person. Und klar, wenn man viele Konzerte hintereinander gibt, dazu viel reist, verliert man nach und nach das Vergnügen daran und man muss die Distanz zu seiner Leidenschaft wahren und pflegen.”

BZ: “Viele Künstler haben, wenn sie berühmt sind, das Problem, dass sie irgendwann nicht mehr „nein“ sagen können und jeden Auftritt annehmen. Du passt auf deine Stimme, deinen Körper und deine Gesundheit auf.”
PJ: “Ja, „Nein“ sagen ist wirklich schwer! Manchmal gibt es interessante Projekte und man sagt „ja“, obwohl es direkt vor einem anderen Projekt liegt. Man schaut dann seine Planung an und sieht, dass man noch zwei Wochen Pause hat, denkt „Warum nicht?“ und sagt sich dann „Ich brauche die Pause ja nicht“ und akzeptiert die neue Produktion. Aber letztlich hat man dann im letzten Moment doch noch so viel zu tun, dass man hinterher sagt „Oh mein Gott, warum habe ich nur ja gesagt?“. Aber dann ist es zu spät. Es ist einfach nicht meine Regel erst zuzusagen und dann wieder abzusagen. Natürlich sage ich ab, wenn es mir wirklich schlecht geht – aber das ist wirklich der einzige Grund. Wenn ich ja gesagt habe, dann mache ich das Konzert oder die Produktion auch. Ich muss mir wirklich Zeit nehmen. Aber das ist wirklich schwer, insbesondere jetzt, wo es Länder gibt, in denen ich noch nicht aufgetreten bin, aus denen dann Anfragen kommen – Asien, Südafrika und Südamerika. Ich singe natürlich immer noch viel in Europa, aber man muss die richtige Balance finden. Aber es ist auch einfach sehr spannend ein neues Publikum kennenzulernen. Manchmal ist es in Frankreich für mich beängstigender, weil mich das Publikum so gut kennt. Ich möchte eine neue Beziehung zu neuem Publikum haben. Aber man muss auch ein gutes Gleichgewicht zwischen Privatleben und all diesen Gegensätzen, dem Neid und der künstlerischen Zufriedenheit finden. Wenn man berühmt ist, kann man beispielsweise eine Zeit lang hauptsächlich Konzerte mit Orchestern und Opernarien machen. Natürlich kann man das das ganze Jahr machen – aber ich will die Vielfältigkeit meiner Arbeit behalten: die Operntätigkeit, das Arbeiten mit meinen Ensembles und anderen Sängern, neue Musik entdecken. Ich brauche Zeit in Bibliotheken zu gehen. Ich will mir all diese Aktivitäten behalten. Natürlich ist es frustrierend „Nein“ zu sagen – aber ich lerne es.”

BZ: “Konzerte in für dich noch unbekannten Ländern – dabei neues Publikum, sind also besonders reizvoll für dich?”
PJ: “Ja, es ist einfach spannend, weil es neues Publikum ist, das sich mehr und mehr mit meiner Art von Musik beschäftigt. Menschen in Ländern wie Südamerika oder Asiendiesen sind hungrig auf diese Musik. Trotzdem glaube ich, dass es auch wichtig ist, viel in Europa /Frankreich zu singen. Wenn man am Anfang seiner internationalen Karriere steht, hat man die Möglichkeit in großen Konzerthäusern zu singen. Ich trete zum Beispiel nächstes Jahr in der Carnegie Hall in New York auf oder zum ersten Mal in der Berliner Philharmonie. Natürlich ist das spannend – aber für mich haben alle Konzerte die gleiche Wichtigkeit. Ich möchte diese Mentalität behalten. Nur nein zu sagen, weil es keine große Halle ist, kommt nicht infrage – wenn das Programm gut ist, wenn die Musiker gut sind will ich den auftreten! Ich mache lieber gute Konzerte mit sehr guten Musikern und einem guten Programm an kleinen Orten, als schlechte Konzerte in bekannten Konzertsälen. Die musikalische Qualität ist am wichtigsten.”

BZ: “Philippe, wann hast du angefangen zu musizieren? Wann zu singen? Meines Wissens hast du erstmal ein Instrument gelernt?”
PJ: “Ich habe mit Violine angefangen. Ich war nicht mehr sehr jung, ich glaube ich war 11 – das ist ja relativ spät um Geiger zu werden. Meine Eltern sind keine Musiker und nach drei oder vier Jahren sagte mein Geigenlehrer zu mir: „Du sollst Musik machen, aber vielleicht solltest Du etwas wie Komposition probieren.“ Deswegen habe ich als zweites Instrument Klavier angefangen. Das ist eine gute Basis. Ich habe dann geschrieben und komponiert. Ich wusste nicht, was ich machen sollte: ich wollte Musik machen. Als ich 18 war, war ich auf einem Konzert des französischen Countertenors Fabrice di Falco. Er sang all die bekannten Arien, wie die von Farinelli, nur mit der Orgel begleitet. Das war ein “AHA-Erlebnis“: der erste Kontakt mit der Countertenor-Stimme.
Ich erinnere mich noch, dass ich von seiner Persönlichkeit, seiner Stimme und der Musik sehr fasziniert war. Ich war verzaubert: das Konzert in der Kirche, die Countertenor-Stimme, die Orgel – das war eine mystische Erfahrung. Und diesem Moment hatte ich die Erleuchtung, dass ich genau das machen will, was er macht. Und ich hatte dieses starke Gefühl, dass ich diese Stimme auch hatte, dass ich das auch machen konnte. Letztlich traf ich seine Lehrerin – die nach 12 Jahren nun immer noch meine Lehrerin ist. In der ersten Stunde, in der sie meine Stimme hörte und dann entscheiden wollte, ob sie mich
unterrichtet oder nicht, sagte sie zu mir „Du hast eine kleine Stimme, ich bin mir nicht sicher ob Du für diesen Job gemacht bist. Ich bin mir nicht sicher ob Du die Qualitäten dafür mitbringst“. Vor ein paar Monaten erzählte sie mir nochmal, dass ich geantwortet hatte „Ich bin mir sicher! Ich bin sicher, dass ich ein Countertenor sein werde“. Sie war sehr beeindruckt von dieser Reaktion. Ich glaube das ist Berufung, wenn man ganz sicher weiß „Du bist hier, um das zu tun“. Letztlich ist es die einfachste Möglichkeit für mich, mich musikalisch auszudrücken: zu singen.
Mit Instrumenten war das anders. Meist sagten mir die Leute: Du bist schon zu alt, Du hast nicht genug Technik. Bei der Stimme war das anders: Technik ist beim Singen viel subjektiver. Plötzlich, nach ein paar Wochen singen, fühlte ich mich wieder viel jünger und bereit zu arbeiten. Das Repertoire orientiert sich auch viel mehr an der jeweiligen Stimme. Wenn man Geiger oder Pianist ist, ist man irgendwie verpflichtet „die großen Konzerte“ oder besonders schwere Stücke zu spielen, um zu beweisen, dass man ein guter Pianist oder Geiger ist. Beim Singen sucht man sich von Beginn an sein eigenes Repertoire aus. Man ist nicht gezwungen alles zu singen. Man kann sich relativ früh einem besonderen Repertoire verschreiben, das ist wirklich cool.”

BZ: “Es gab für dich also keine beruflichen Alternativen?”
PJ: “Nicht wirklich. Bevor ich Musiker wurde, habe ich gemalt. Das war meine erste Leidenschaft. Deshalb hätten meine Eltern auch nicht gedacht, dass ich Musiker werde, sie dachten, ich würde Maler werden. Aber es war schon klar, dass es etwas künstlerisches sein sollte. Als ich sieben war, fing ich mit Tanzstunden an. Es hätte also auch Tanz sein können, oder Theater, oder Malerei – letztlich ist es die Musik geworden. Meine Persönlichkeit ist absolut künstlerisch: ich bin unordentlich und verträumt. Ich glaube im Endeffekt ist es gut für mich Künstler zu sein.”

BZ: “Letztes Jahr habe ich Alain Lanceron (Chef Virgin) in Nizza getroffen? Er hat mir erzählt, wie er dich entdeckt hat.”
PJ: “Ja, das war mit 20. Ich hatte erst 2 Jahre Unterricht. Er wollte mich unbedingt live hören und ich habe ihm sämtliche Arien vorgesungen. Wir haben eine CD aufgenommen und nach ein paar Jahren hat er mir vorgeschlagen, fest bei Virgin einzusteigen. Ich muss wirklich sagen, dass man sich glücklich schätzen kann, bei einer Firma fest unter Vertrag zu sein, denn es gibt nicht viele, die so einen exklusiven Vertrag haben und so einen tollen Chef! Für meine Karriere war das wirklich sehr wichtig, es öfnnen sich soviele Türen: Manchmal sagen die Leute zwar zum Beispiel, dass es doch langweilig sein muss, so viele Interviews geben zu müssen – ich habe jetzt zum Beispiel 9 Interviews in drei Tagen – aber Konzerte geben und CDs einspielen tut man ja auch nicht nur für sich selbst. Mit der nächsten CD mit Stücken von Johann Christian Bach möchte ich zum Beispiel der Öffentlichkeit zeigen, dass auch unbekannte, namenlose Stücke ganz großartige Musik sein können. Es ist wie ein Spiel, mit dieser Musik zu kommunizieren – alleine die Möglichkeit das zu tun, ist eine tolle Chance. Und ich bin ein Glückspilz, denn mir wurde diese Chance schon gegeben als sich noch sehr jung war. Vielleicht, weil ich ein Countertenor bin und weil es von uns nicht so viele gibt wie bei anderen Stimmlagen wie Sopran und Tenor. Von Anfang an gab man mir die Möglichkeit genau das aufzunehmen, worauf ich Lust hatte und auch das ist eine große Chance, schließlich geht ja auch Virgin ein gewisses Risiko ein. Und auch für mich ist Johann Christian Bach eine große Herausforderung! Ebenso waren die CD Opium oder Carestini große Herausforderungen! Bei Virgin sind wir wirklich ein bisschen wie eine große Familie –mit Alain Lanceron kann ich jederzeit sprechen und er hilft mir, meine Träume zu verwirklichen! Ich denke an meine CD Carestini: acht Jahre hatte ich bereits darüber nachgedacht, bevor ich schließlich vorschlug, sie aufzuzeichnen. Jahrelang habe Informationen über diesen Kastraten gesammelt.
Und schließlich wurde mein Traum war, als ich diese CD aufnehmen durfte: Ich liebe es, CDs aufzunehmen. Das liegt nicht jedem. Es gibt einfach Künstler, die viel besser auf der Bühne sind als ich, dafür nicht so gern im Studio aufnehmen. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum ich momentan nicht so viele Opern singe. Ich warte immer lieber passende Momente ab , um dann genau die Opern zu singen, die am besten für mich geeignet sind. In puncto Oper, teile ich mir meine Zeit genau ein, dazu kommen ein bis zwei CD-Produktionen pro Jahr. Meines Passion ist neue Musik zu finden und neue Programme zu gestalten– all das liebe ich sehr und deswegen nehme ich so gerne CDs auf. Ich mag auch das physische Moment an einer CD-Produktion, denn man singt viel: mesitens über eine Woche lang bis zu fünf Stunden am Tag. Man versucht dabei immer, das Beste zu geben undlernt dabei viel über sich selbst. Hinterher dann, hört man sich an, was man gemacht hat und in welche Richtung man sich zukünftig orientieren möchte. CDs sind also wie eine große Schule, in der man sich selbst kennen lernt.”

BZ: “Nach welchen Kriterien wählst du dein Repertoire, z.B. für deine neue CD La dolce fiamma?”
PJ: “Mit meiner Johann Christian Bach CD wollte ich eine CD mit meinem Lieblingsorchester Le cercle de l’Harmonie aufnehmen. Wir kennen uns schon lange und sind das häufig mit Mozart Arien aufgetreten war. Bei Mozart dachte ich mir, dass sein Repertoire nicht reicht, um damit eine reine Mozart CD aufzunehmen. Also habe ich versucht, andere Stücke zu finden und kam so auf Johann Christian Bach. Ich ging also in die Pariser Bibliothek und habe alle Opern durchstöbert, die er komponiert hat.Ich musste feststellen, dass es nicht viele Aufnahmen davon gibt. Und als ich all diese Partituren las und mir erarbeitete, habe ich festgestellt, dass J.Ch.Bach sehr viel Einfluss auf Mozart und dessen frühe Opern hatte. Ich dachte mir: „Oh mein Gott, das ist ja hochinteressant!“ Danach las ich viel über sein Leben und das war genau so interessant wie seine Musik – wie Carestini (berühmter Kastrat) hatte er ein sehr bewegtes und verrücktes Leben – und ich dachte, da könnten wir vielleicht ein Projekt, eine CD draus machen. Zunächst dachten wir an einen Mix aus Mozart- und Johann Christian Bach Arien. Doch schließlich war ich überzeugt, dass Johann Christian Bach eine eigene CD verdient hat! Ein Grossteil der Stücke wurde jetzt übrigens das allererste Mal aufgenommen, das war für mich sehr aufregend! Wenn ich eine Arie singe und aufnehme, die seit 200 Jahren niemand mehr gesungen hat ist das schon ein riesen Privileg für mich, denn es hat dann ja meine ganz persönliche Note! Manchmal macht es mir viel mehr Angst, eine Bachkantate oder einen Messias von Händel zu singen, von dem die Leute schon einen vorgefestigten Klang im Ohr haben. Aber in diesem Fall gibt es nur Johann Christian Bach und mich, und die Leute werden an die Interpretation als eine allererste Version und Wiederentdeckung denken. Das ist doch aufregend!
J.Ch.Bachs Arien bekommen durch diese CD musikgeschichtlich eine ganz neue Bedeutung. Seine Musik ist wirklich neu und einzigartig. Wir wissen, dass Mozart ihn verehrt hat – seit ihrer ersten Begegnung …Bach war übrigens wie sein zweiter Vater.”

BZ: “Genau. Und beide – auch Johann Christian Bach – waren ziemlich verrückte Typen …”
PJ: “Und wie! Man kann ihn nicht mit den anderen Söhnen von Johann Sebastian vergleichen: Genau wie Händel war er der einzige, der Deutschland verließ, um etwas über den italienischen Stil zu lernen. Er hatte einfach verstanden, dass er mit Opern Erfolg haben würde und tat das dann auch. Später dann, wie Händel, wurde auch er für zwei, drei Jahre nach London eingeladen. Das heißt, man kann diese beiden Karrieren gut miteinander vergleichen. Zuletzt ging er dann zurück nach Mannheim und nach Paris. Er hatte jede Menge Freunde, denn er war ein richtig netter Kerl mit jede Menge Humor – dafür gibt es haufenweise Beweise. Er wollte Menschen für sich gewinnen: war ein bisschen wie Vivaldi, der ja damals ein Promi war. Meiner Meinung nach, war er die perfekte Brücke zwischen Händel und Mozart. Perioden, die zwischen zwei Musikstilen/Epochen liegen, sind einfach unglaublich spannend. Zuerst Barock und als zweites – ich denke da an Alexander Scarlatti, der viel getan hat, um den Stil zu revolutionieren – diese Spannweite zwischen Barock und Klassik, dem sogenannten galanten Stil. Letztlich ist Johann Christian Bach jemand gewesen, der großes Interesse am Pianoforte hatte und es auch schon sehr früh auf Konzerten gespielt hat. Er veränderte damals übliche Besetzungen – verwendete zum Beispiel Klarinetten – im Prinzip erfand er ein ganz neues Orchester. Und er hat Mozart sehr geholfen, sich vom alten Stil zu emanzipieren, denn er zeigte ihm, dass er auch ganz andere Musik schreiben kann. Natürlich können wir nicht das Genius von Mozart mit dem von Johann Christian Bach vergleichen, aber Johann Christians Begabung war die, zu erkennen, dass sich die Zeiten ändern. Die Dinge waren in Bewegung gekommen und er versuchte, eine neue Art der Musik zu finden.
Er gehörte auch zu den Komponisten, die genau wussten, was die menschliche Stimme bedeutet und er liebte Kastraten. Einer seiner besten Freunde war der Kastrat Tenducci und vielleicht deshalb komponierte er besonders gut für die menschliche Stimme: Mit einem neuen Stil, der im Vergleich zu Händel und Vivaldi viel weniger auf Koloraturen basierte und dafür ganz lange Phrasen und große Sprünge hat. Vielleicht ist das auch der Grund, warum wir die CD La dolce fiamma genannt haben, also die süße Flamme. Denn das ist sehr charakteristisch für diese Periode und den Musikstil von Johann Christian Bach: Er ist wirklich sehr energiegeladen aber auch etwas enthoben und mit einer Süße, die man nicht charakterisieren kann. Es ist also zum Beispiel nicht wirklich traurig, aber ein bisschen melancholisch. Ich mag diese Gefühle, die schwierig auszudrücken sind – Melancholie ist doch etwas viel komplexeres als Trauer. Melancholie mit der Stimme auszudrücken ist wirklich schwierig, aber es ist eins der Gefühle, die ich am liebsten interpretiere…”

BZ: “Melancholie interpretierst du am liebsten. Warum?”
PJ: “Auf der Bühne bin ich wirklich viel aufrichtiger, wenn ich Melancholie ausdrücken soll anstatt totale Verzweiflung. Es entspricht vielleicht auch am ehesten meiner Persönlichkeit, melancholisch zu sein, denn ich bin sicher kein „hysterischer“ Typ. Genauso fällt es mir schwer, absolute Freude auszudrücken. Ich liebe einfach dieses melancholische Gefühl. Das ist auch der Grund warum ich gerne französisches Repertoire wähle. Eine gewisse Melancholie ist auch nötig, um diese Musikauswahl zu verstehen. In vielen Arien, auch wenn sie nach außen hin Freude oder Trauer ausdrücken, ist immer auch ein Hauch von Melancholie dabei. Vielleicht ist das der Grund, warum mich diese Musik so sehr berührt.”

BZ: “Was würdest du Johann Sebastian Bach fragen, wenn du ihn treffen könntest?”
PJ: (überlegt einige Sekunden) “…Wie sein Vater Johann Sebastian so war..? (lacht laut)! Weisst Du, Johann Christian war sein Lieblingssohn, vielleicht auch, weil er das Nesthäkchen war. Als Johann Sebastian starb, war Johann Christian 15 Jahre alt. Er hat also den größten Teil seiner musischen Ausbildung vom Vater erhalten. Ich versuche immer, mir die beiden zusammen vorzustellen. Da sind 2 grosse Autoritäten aufeinandergeprallt. Denn wie wir wissen, Johann Sebastian war sehr autoritär und hatte großen Einfluss auf seinen Sohn. Gleichzeitig war er voller Liebe für seinen Sohn, da bin ich mir ganz sicher, das fühle ich und ich kann mir den Musikunterricht zwischen den beiden gut vorstellen. Ausserdem glaube ich, dass Johann Christian seinem Vater nachgeeifert hat und dass Johann Sebastian wiederum seinen Sohn beschützt hat. In den letzten Jahren vor seinem Tod hat Johann Christian auch den Schriftverkehr für ihn erledigt, das heißt, er stand ihm sehr nahe. Das ist doch wirklich rührend. Ich hätte gern die Beziehung zwischen dem jungen Johann Christian und seinem Vater miterlebt.”

BZ: “Wie lernst du neue Stücke? Am Klavier?”
PJ: “Ja, am Klavier, zusammen mit meinem Lehrer. Ich kann mich noch erinnern, dass ich am Anfang dachte: „Oh mein Gott, das ist ja furchtbar hoch!“ aber man kann mit Arbeit viel erreichen. Und jetzt fühle ich mich auch schon viel wohler mit diesen Arien als noch vor einem Jahr. Ich denke, dieses Repertoire hat mir geholfen, eine neue Art des Singens zu finden.”

BZ: “Stimmt es, das Vivaldi dein Lieblingskomponist ist?”
PJ: (überlegt erst ein paar Sekunden) “Nein, das ist nicht wahr (lacht).Nein. Also ich meine: Natürlich war Vivaldi in den letzten Jahren mein bester „Agent“. Es ist wunderbar, dass Vivaldi so vielen Sängern zu Erfolg verhelfen kann. Noch heute gibt es so viele Interpreten, die Vivaldi Arien singen. Ich weiß, dass bald neue Vivaldi CDs von Magdalena Kozená und Vivica Genaux erscheinen werden. In meinem Fall war mein s Vivaldi Album ein wichtiges Karrieresprungbrett, ähnlich wie bei Cecilia Bartoli. Er ist ein fantastischer „Agent“ für Sänger, denn seine Musik ist so frisch und aufregend. Jemand, der schnellen Erfolg haben möchte, braucht eigentlich nur ein Vivaldi Programm auf die Beine stellen und dass auch live vor den Leute singen. Die Nachfrage nach Vivaldi-Rezitatoren ist sehr groß.”

BZ: “Woran liegt das?”
PJ: “Die Musik ist so direkt. Vivaldi wusste wirklich, wie er die Aufmerksamkeit seines Publikums absolut für sich gewinnen und es um den Finger wickeln konnte. Darin war er einfach göttlich! Aber mein Lieblingskomponist ist eigentlich Händel. Er ist einfach ein reines Genie gewesen und er hat so bezaubernde Arien geschrieben. In Zukunft möchte ich auf der Bühne auch viel mehr Opernarien von Händel singen. Eigentlich habe ich erst eine aufgeführt, die Agrippina, und das ist zwei Jahre her. Aber jetzt fühle ich mich vielleicht auch erst richtig bereit. Vielleicht war Vivaldi für mich am Beginn meiner Karriere auch am passendsten, denn ich hatte eine sehr frische und leichte Stimme. Und jetzt mit den Jahren fühle ich mich eher bereit, auch mehr Händel zu singen. Als ich noch jünger war, wäre das an einigen Stellen sehr gefährlich für mich gewesen, denn die instrumentale Begleitung ist im Allgemeinen tiefer als die von Vivaldi. Das heißt man braucht dann mehr Kraft und Farbe in der Stimme. Aber ich denke, die nächsten zehn Jahre werden händeliger!” (lacht)

BZ: “Welchen Umfang hat denn deine Stimme?”
PJ: “Bei manchen Arien umfasst sie bis zu zwei Oktaven …”

BZ: “… mit der Kopfstimme?”
PJ: “Ja, mit der Kopfstimme. Ich kann auch tiefer gehen, dann singe ich mit der Bruststimme. Aber man kann nicht alles gleichzeitig benutzen. Schwierig für einen Countertenor ist bisweilen, dass echte Kastraten teilweise die größten Spannweiten hatten und deshalb arbeite ich noch immer an meinem Stimmspektrum. Ich bin auch kein fanatischer Verfechter der Angewohnheit, Kastratenrollen immer nur mit Countertenören zu besetzen. Ich glaube, dass an vielen Stellen ein weiblicher Mezzosopran viel schöner passt. Das heißt, es gibt im Grunde zwei Wege um Kastratenrollen zu besetzen. Das ist der Grund, warum es für mich etwas seltsam ist mein Repertoire nur nach Kastraten-Funktion auszusuchen. Denn so kann ich neue Musik entdecken und meine Stimme besser kennenlernen. Also merken, was ich singen kann und was nicht. Zum Beispiel fragen mich die Leute manchmal, ob ich nicht Giulio Cesare von Händel singen möchte und noch immer muss ich das ablehnen. Denn es ist einfach zu tief und noch eine Nummer zu groß für mich. Klar, ich kann Teile und Arien daraus gerne daheim in meinem Schlafzimmer singen (lacht), aber vor Publikum auf der Bühne das komplette Stück in guter Form zu singen, und so, dass mich die Leute auch gut hören, das ist mir zu gefährlich! Ich bin davon überzeugt, dass einige Mezzosoprane und weibliche Altstimmen das viel besser können als ich. Aber manchmal möchte man schon so gerne unbedingt ein ganz bestimmtes Stück singen…”

BZ: “Denkst du da gerade an eine bestimmte Arie?”
PJ: “Ja! Mein Ideal und Traum ist es zum Beispiel Ariodante von Händel zu singen. Ich habe bereits eine Arie aus dieser Oper aufgenommen: Scherza infida, das ist eine der wundervollsten Händelarien. Aber wirklich die komplette Oper durchzusingen bleibt wohl ein Traum, denn das mit nur zwei Oktaven Spannweite zu singen ist schwer. Wirklich, wenn ich Frauen wie Anne Sophie von Otter oder Joyce DiDonato die Ariodante singen höre, dann bin ich davon überzeugt, dass sie in diese Rolle einfach viel besser reinpassen als ich. Man muss dann einfach akzeptieren, dass es Grenzen für einen gibt. Selbst die Zeit kann nicht alles richten. Manche Dinge werden für mich eben mein ganzes Leben unerreichbar bleiben.”

BZ: “Was sind deine nächsten Projekte?”
PJ: “Ich habe natürlich viele CDs vor mir: Da ist zum einen ein Projekt mit dem Concerto Köln. Da haben wir uns zwar noch nicht auf die Musik festgelegt, aber ich bin mir sicher, dass es italienische Musik sein wird und viel vom Anfang des 18. Jahrhunderts. Momentan ist der Komponist aber noch geheim (schmunzelt). Ja, es wird viel zu tun geben! Ich möchte in den kommenden Jahren vor allem mehr Opern aufnehmen, denn dieses Jahr ist von mir keine Opernaufnahme mehr geplant…”

BZ: “Warst du dieses Jahr überhaupt schon im Urlaub?”
PJ: “Ja, das war ich. Ich bin in einen Teil der Welt geflogen, den ich noch gar nicht kannte: Nach Kalifornien. Drei Wochen lang war ich in San Francisco, Los Angeles und Las Vegas. Ich habe da auch mal eine komplette Gesangspause eingelegt, das war sehr wichtig.”

BZ: “Hast du es in Las Vegas auch mal mit Glücksspiel probiert?”
PJ: “Ja, natürlich habe ich gespielt! Aber nicht viel, denn ich hab ziemlich schnell viel Geld verloren (lacht). …es war für mich eben wirklich wichtig mit dem Singen zu pausieren: Als ich zurückkam, war ich in richtig guter Form und auch in der Verfassung, all meine Pläne in Angriff zu nehmen.”

BZ: “Wie verbringst du Weihnachten?”
PJ: “Das wird, wie jedes Jahr sein: Weihnachten mit der Familie, Neujahr mit meinen Freunden(lacht)! Wie auch viele andere Menschen, geniesse ich es zusammen mit meiner Familie zu sein.”

BZ: “Das heißt, du bist in Paris?”
PJ: “Ja, die meiste Zeit über Weihnachten versuche ich in Paris bei meiner Familie zu sein und Neujahr verreise ich dann meistens. Ich verbringe Silvester gerne außerhalb von Paris, um für das neue Jahr auch einen neuen Blickpunkt zu haben.” (lacht)

BZ: “Schöne Idee, mir geht es genauso. Philippe Jaroussky in drei Worten?”
PJ: “In drei Worten? … (überlegt) Unabhängig – denke ich… ähm… (überlegt noch länger) das ist gar nicht so einfach! Unabhängig – diskret und …. Als drittes (überlegt noch länger) ähm… unorganisiert.”

BZ: “Wirklich?”
PJ: “Ja, wirklich unorganisiert.” (lacht)

BZ: “Das heißt, dass du gern mal Gepäck verlierst auf Reisen?”
PJ: “Ja, das kann schon mal vorkommen. Oder zum Beispiel, dass ich das Akku für mein Telefon verliere. Die kann ich alle zwei Monate neu kaufen, weil ich sie im Hotelzimmer liegen lasse. Oder ich verliere meine Tickets, meine Flugtickets, meinen Pass, mein Handy… ich bin wirklich sehr chaotisch. Klar, es liegt vielleicht auch daran, dass ich viel Stress habe… z.B. meine private Bibliothek daheim – da kann es schon mal ein paar Tage dauern, um Noten zu finden, das ist wirklich ein Desaster (lacht). Das liegt daran, dass ich so wenig Zeit habe und der Zeit förmlich hinterher renne. Daher kommt das Chaos,die logische konsequenz. Ich verliere ziemlich viel Zeit damit, Dinge zu suchen, die ich verloren habe. Und das kostet mich Zeit, die ich nicht zu verschenken habe. Das ist gar nicht so einfach!” (lacht)

BZ: “Danke Philippe, ich bin sehr glücklich über dieses Interview.”
PJ: “Danke, gerne!”

Source/Read more: [x] Edit, 03 October 2015: source offline

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